30+1 Jahre Landesbehindertenrat NRW: Eine starke Stimme wird noch stärker

Stellen Sie sich vor, Sie kämpfen seit über 30 Jahren für dasselbe Ziel: dass Menschen mit Behinderungen und chronischen Erkrankungen ganz selbstverständlich überall dazugehören – in der Schule, im Job, beim Busfahren, beim Arztbesuch. Genau das tut der Landesbehindertenrat NRW (LBR NRW) seit 1995. In diesem Jahr feiern wir ein besonderes Jubiläum: 30+1 Jahre Einsatz für Selbstbestimmung, Teilhabe und Inklusion in Nordrhein-Westfalen.
Vom Ehrenamt zur professionellen Interessenvertretung
Was 1995 als Zusammenschluss weniger Selbsthilfeorganisationen begann, ist heute die anerkannte Stimme von über drei Millionen Menschen mit Behinderungen und chronischen Erkrankungen in NRW. Der Weg dorthin war kein Selbstläufer: Er begann mit dem ersten Landesbehindertenbeirat 1992, führte über den ersten Landesbehindertentag 1994 in Münster bis zur offiziellen Gründung des LBR 1995 unter Dr. Diether Bischoff als erstem Vorsitzenden.
Lange Zeit trug rein ehrenamtliches Engagement die Arbeit des Verbands. Das hat sich grundlegend geändert: Mit der Förderung durch das Ministerium für Arbeit, Gesundheit und Soziales NRW konnte 2024 eine hauptamtliche Geschäftsstelle aufgebaut werden – zunächst unter der Leitung von Geschäftsführerin Ann-Christin Rauch, mittlerweile verstärkt durch eine Verwaltungsfachkraft. Der Umzug von Münster nach Düsseldorf brachte den LBR zudem näher an die Orte, an denen politische Entscheidungen fallen.
Was der LBR erreicht hat
Die Erfolgsliste ist lang und konkret: Der LBR wirkte maßgeblich an der Konzeption des Behindertengleichstellungsgesetzes NRW (2003) mit, setzte sich für die Verankerung inklusiver Bildung im Schulgesetz ein und koordinierte die Beteiligung der Selbsthilfe an den Verhandlungen zur Umsetzung des Bundesteilhabegesetzes. Die Struktur des LBR diente sogar als Vorbild für den bundesweiten Deutschen Behindertenrat – ein Beleg dafür, wie einzigartig das Modell ist, die gesamte Breite der Behindertenselbsthilfe unter einem Dach zu vereinen.
Auch aktuell zeigt der Verband Flagge: Am Europäischen Protesttag 2025 rief der LBR zu einem landesweiten Aktionstag unter dem Motto „Barrierefreiheit im öffentlichen Nahverkehr jetzt!“ auf – erstmals gemeinsam mit Umweltverbänden und Gewerkschaften. Und mit der Lufthansa Group schloss der LBR die bundesweit erste Kooperationsvereinbarung zwischen einer Selbsthilfevertretung und einem Wirtschaftsunternehmen.

Drei Jahrzehnte Wandel
Die Geschichte des LBR lässt sich in Phasen erzählen, die jeweils ihre eigene Handschrift trugen. Die Anfangsjahre bis 2000 standen im Zeichen der Etablierung als Dachverband und dem hart erkämpften Zugang zu Fördermitteln der Wohlfahrtspflege. Die Jahre 2001 bis 2010 waren geprägt von intensiver Gesetzesarbeit, etwa durch das Projekt „Agentur Barrierefrei“, das von 2005 bis 2009 zahlreiche Beratungen und Zielvereinbarungen zur Barrierefreiheit anstieß. Mit dem Inkrafttreten der UN-Behindertenrechtskonvention 2009 begann eine neue Ära: Von 2011 bis 2020 stand die Umsetzung der Konvention im Mittelpunkt, unter anderem durch die maßgebliche Mitwirkung des LBR am Inklusionsbeirat NRW. Seit 2021 befindet sich der Verband in einer Phase der Professionalisierung – mit neuer Satzung, neuer Website und eben jener hauptamtlichen Geschäftsstelle, die heute das organisatorische Rückgrat bildet.
Die Vielfalt macht stark
Ein Blick auf die Mitgliedsorganisationen zeigt, wie breit die Stimme des LBR aufgestellt ist: vom Sozialverband Deutschland über die Lebenshilfe NRW und die Interessenvertretung Selbstbestimmt Leben NRW bis hin zum Autismus Landesverband und dem Netzwerk für Frauen und Mädchen mit Behinderung. Unter dem Prinzip „Nichts über uns ohne uns“ sitzen Menschen mit Behinderung selbst in den entscheidenden Gremien – etwa im Inklusionsbeirat NRW, den Beiräten der Landschaftsverbände oder im WDR-Rundfunkrat.
Die Arbeit ist nicht getan
So viel auch erreicht wurde: Der LBR macht sich nichts vor. Inklusion steht unter Druck, wenn Bürokratie und Pauschalisierung individuelle Bedarfe verdrängen. Themen wie barrierefreie Digitalisierung, bezahlbarer und barrierefreier Wohnraum, echte Teilhabe am Arbeitsmarkt statt Sonderwelten in Werkstätten sowie eine verlässliche Gesundheitsversorgung bleiben zentrale Baustellen für die kommenden Jahre.
Ein Jubiläum mit Blick nach vorn
Die Jubiläumsfeier zu „30+1 Jahre LBR NRW“ ist deshalb mehr als ein Rückblick. Sie ist ein Bekenntnis: Der LBR will seine hauptamtliche Struktur dauerhaft sichern, noch früher in politische Entscheidungsprozesse eingebunden werden und neue Bündnisse mit Akteuren schmieden, die bislang nicht im Fokus der Behindertenarbeit standen.
Vorsitzender Peter Gabor bringt es auf den Punkt: Aus einer Anfrage wurde ein Prozess des Wandels – und dieser Wandel bildet heute das Fundament für eine starke, gemeinsame Zukunft.
Wer diese Arbeit unterstützen möchte, kann dies ganz konkret tun – mit einer Spende an den Landesbehindertenrat NRW e. V. (IBAN: DE45 3005 0110 1099 0911 80, Verwendungszweck: Spende). Denn eine Gesellschaft, die wirklich für alle da ist, braucht Menschen, die nicht aufhören zu fragen, zu fordern und voranzugehen.

